Verkehrsverlagerung als Bestandteil der Alpenschutzpolitik und generellen
Verkehrswendepolitik - Lehren aus Deutschland
Vortrag beim 10 jährigen Jubiläum der
Annahme der Alpeninitiative in Altdorf
am
21.2. 2004
Prof. Dr. Heiner Monheim
(Bonn/Trier)*
Verlagerungsziel in Europa außer in der Schweiz politisch nicht ernst genommen
In den nationalen Verkehrs- und Bahnpolitiken der meisten europäischen Länder
und in der Verkehrspolitik der EU spielt zwar in der „Papierform" der
Proklamationen das Verlagerungsziel eine gewisse Rolle, aus Umwelt- und
Klimaschutzgründen, aus Sicherheitsgründen und weil man einen größeren
Markterfolg der Bahnen im Personen- wie im Güterverkehr wünscht. In der
tatsächlichen Verkehrsrealität und Verkehrsentwicklung dagegen ist mit Ausnahme
der Schweiz – die ihren hohen Bahnanteil im Personen- und Güterverkehr mit
Erfolg über die letzten Jahre verteidigen konnte – wenig von diesem Ziel zu
merken. Die reale Entwicklung läuft genau gegenteilig, mit konstantem Wachstum
des Straßenverkehrs im Personen- wie im Gütertransport.
Verkehrsnetzausbau mit hoher Priorität für die Straße
Dies hat maßgeblich damit zu tun, daß die Verkehrsinvestitionen auf allen
Ebenen der Nationen, Regionen und Kommunen mit großem Abstand konstant zu
Gunsten der Straße verteilt werden, während die Schiene (vor allem nach
Addition der Verkehrsinvestitionen aller nationalen, regionalen und kommunalen
Gebietskörperschaften) stets mit einem Bruchteil der Investitionen auskommen
muß. Noch schlimmer wird das Mißverhältnis, wenn man die Netzentwicklung
betrachtet. Aufgrund jahrzehntelanger Rationalisierungs- und Stillegungspolitik
der meisten europäischen Länder sind die Schienennetze in ihre Länge und
Flächendeckung dramatisch geschrumpft, während die Straßennetz gleichzeitig um
ein Vielfaches gewachsen sind. Von einer Priorität für die Schienen kann schon
lange keine Rede mehr sein.
Konzentration der Schiene auf Korridornetze – Abkehr von der Flächenbahn
Hauptbegründung für diese allen Zielen nachhaltiger Verkehrsentwicklung
widersprechende Praxis war und ist: Schienenverkehr sei sehr teuer und
chronisch defizitär. Daher lohne sich Schienenverkehr nur auf wenigen, stark
belasteten Hauptkorridoren. Schienenverkehr habe vor allem als
Hochgeschwindigkeitsverkehr über lange Distanzen eine Chance. Daher müßten die
Netze ausgedünnt, unnötige Bahnhöfe und Haltepunkte geschlossen und die
Investitionen auf die großen Korridore konzentriert werden. Auch im
Güterverkehr lohne nur ein Konzentrationsansatz. Viele Gleisanschlüsse seien
unwirtschaftlich. Die meisten Stückgutannahmestellen und die kleinen
Umschlagknoten müßten geschlossen werden.
Bahnen im „Sinkflug" zu immer kleineren Marktanteilen
Mit dieser absurden Amputation der ehemals überall dichten und sehr
erfolgreichen dezentralen Personen- und Güterbahnnetze haben sich die
europäischen Bahnen durchweg „marginalisiert", ein konstanter
Marktanteilsverlust war die Folge. Die Straße konnte ihre Marktanteile aufgrund
der immer dichteren Straßennetze und der vielfältigen staatlichen und
kommunalen Förderung im Bau- und Planungsrecht, Steuerrecht und Verkehrsrecht
kontinuierlich steigern, der Stau in Stadt und Land wurde zum Verkehrsalltag.
Riesenprobleme durch LKW- Verkehr
Natürlich haben parallel dazu die negativen Folgen stark zugenommen LKW haben
unter allen Verkehrsarten die höchsten externen Folgekosten. Verkehrspolitik
darf das nicht weiter blind ignorieren.
... LKW-bedingte Straßenkosten
LKW fahren im Innerortsbereich „gnadenlos" die Kommunalstraßen kaputt, selbst
in den Fußgängerzonen und auf den Gehwegen, wo sie häufig als Lieferverkehr
auftauchen und aus angeblichen Rationalisierungszwängen total überdimensioniert
ankommen. Wegen der immer größeren LKW müssen seit Jahrzehnten kommunale
Straßen immer breiter gebaut werden. Das hat ein hohes Maß an Kosten und
Stadtzerstörungen verursacht. Viele Häuser und Bäume mußten dem Flächenfraß
LKW- gerechter Fahrbahnen weichen.
... schlechte Auslastung der Groß-LKW
Doch das gilt in der gängigen Logik westlicher Ökonomie als „rationell".
Absurde Rationalisierungs-Logik, bei der die Kosten und Schäden auf die
Allgemeinheit abgewälzt werden, der Nutzen aber von den Firmen privatisiert
wird. Ein Resultat dieser falschen Gigantomanie bei den LKW ist die immer
schlechtere Auslastung der Fahrzeuge, die im Stadtverkehr oft nur um 40%
beträgt. Da wird dann wegen zweier harmloser Kisten gleich mit dem 40-Tonner
vorgefahren. Und wenn dadurch der Stau an der Laderampe wertvolle Zeit kostet,
wird das kaum problematisiert.
...große Sicherheitsprobleme
Alle europäischen Länder mogeln sich um eine systematische Auseinandersetzung
mit den Sicherheitsproblemen des LKW-Verkehrs. Sie lassen „Wild West" auf
Europas LKW- Trassen ungeahndet geschehen und nehmen die vielen Unfälle
(innerorts sind oft Fußgänger und Radfahrer die Opfer), die häufigen
Massenkarambolagen auf Autobahnen und die chronische Okkupation eine Fahrspur
billigend in Kauf. Weder die massenhaften Lenkzeitverstöße noch die
massenhaften Geschwindigkeitsübertretungen noch die anderen typischen
Sicherheitsdefizite im Bereich der Fahrzeugtechnik, Ladungsqualität etc. werden
systematisch erfaßt und geahndet. Dabei dürfen „Sherrifs" wie der langjährige
Kölner Regierungspräsident Antwerpes, der sich mit ungewöhnlichem Engagement
der Verkehrskontrolle von LKW widmete, durchaus mit viel öffentlicher Sympathie
rechnen. Trotzdem blieb er bislang ein rühmenswerter Einzelfall. Eine
konsequente Einhaltung aller gebotenen Regeln und ein Verzicht auf den
systematischen Rechtsbruch würde den LKW- Verkehr gut doppelt so teuer machen.
Damit wird er indirekt durch Verzicht auf die notwendigen Kontrollen vom Staat
subventioniert.
Daß sie in der europäischen Verkehrspolitik trotzdem am stärksten gefördert
werden, ist paradox. Ein immer größerer Teil der öffentlichen Budgets und
privaten Budgets muß für den Autoverkehr, seine Investitionen und seinen
Betrieb aufgewendet werden. In sensiblen Räumen, d.h. einerseits besonders
exponierten Landschaften wie dem Alpenraum, aber auch in vielen Städten und
Dörfern wurden schon seit den 60er Jahren die Belastbarkeits- oder
Zumutbarkeitsgrenzen durch den Autoverkehr überschritten, ohne daß die Politik
und Planung darauf mit einer Kurskorrektur reagiert hätten.
Signal für Europa. Die Schweizer Verlagerungspolitik
Erst massiver Bürgerwiderstand wie z.B. der Alpeninitiative brachte immerhin
regional die Politik zum Nachdenken. Besonders früh und besonders energisch
fielen die Kurskorrekturen in der Schweiz aus. Ausgehend von den besonderen
Bedingungen topographisch und ökologisch schwieriger Terrains war hier ein
hohes Problembewußtsein gegeben. Und angesichts der ohnehin aus
wirtschaftlichen Gründen immer schon im Personen- wie im Güterverkehr
ehrgeizigen Angebotsstrategien der Schweizer Bahnen und ÖPNV- Unternehmen
erzielte die Schweiz auch die frühesten und deutlichsten Erfolge einer
Verlagerungspolitik. Diese ist dort im Volke so weit verankert, daß trotz
massiven Engagements der Autolobby am 8.2.2004 vom Schweizer Volk in der
Avanti-Abstimmung wieder ein klares Votum für eine ehrgeizige
Verlagerungspolitik gegeben wurde. Den europäischen Nachbarn sollte dies ein
deutliches Signal sein, die eigene, bahnskeptische, straßenfixierte Politik zu
korrigieren. Nach 25 Jahren systematischer und schon lange die Umweltbelange
ernst nehmender Gesamtverkehrsplanung behalten die Bahnen in der Schweiz
Priorität. Deswegen muß die EU aufhören, der Schweiz unter dem Vorwand der
Liberalisierung und Deregulierung sowie Harmonisierung immer neue
LKW-freundliche Zumutungen aufzuerlegen (bei der Aufhebung der
Tonnagebegrenzungen und Nachtfahrverbote sowie der engen LKW-Kontingente)
sondern versuchen, die in der Schweiz geplante Halbierung des alpenquerenden
Schwerverkehrs auf der Straße auch in ganz Europa zum Anlaß für eine energische
Verlagerungspolitik zu nehmen.
Die Schweizer Bahnen beweisen Marktehrgeiz, Kundennähe und Systemdenken bei den
Investitionen
In der Schweiz verfolgen die Bahnen eine marktgerechte Angebotspolitik. Sie
denken bei den Investitionen in landesweiten Netzzusammenhängen. Sie pflegen
die Kooperation von SBB und Privat/Kantonalbahnen. Sie vermeiden eine isolierte
Präferenz für den weiträumigen Fernverkehr. Auch der Interregio und der
Nahverkehr haben angemessene hohe Priorität. Sie präsentieren den ÖPNV als
gesamthaften Systemverbund, der im Generalabo in idealer Weise zum Ausdruck
kommt. Sie verteilen ihre Investitionen sinnvoll im gesamten Netz. Sie dosieren
die Investitionen und die zugrunde liegenden Geschwindigkeitsstandards am
Integralen Taktfahrplan und nicht an der Hochgeschwindigkeitsphilosophie.
Korridordenken und Maximierung isolierter Großprojekte sind ihnen fremd.
Deutschland ist mit seiner Bahnpolitik in vieler Hinsicht das kontrapunktische
Gegenmodell zur Schweiz. Die Verkehrspolitik ist auf allen Ebenen stark
autoorientiert. Die Bahnpolitik ist trotz Bahnreform wenig erfolgreich.
Verlagerungspolitik braucht flankierende ordnungspolitische Signale
Nur mit deutlichen ordnungspolitischen Signalen wird man den Trend zu immer
mehr und immer schädlicherem Schwerverkehr auf den Straßen umkehren können. Am
wirksamsten sind Fahrverbote bzw. Tonnage- und Größenbeschränkungen. Und durch
saftige kommunale LKW- Maut mit progessiver Tarifierung nach Größe und
Auslastung sollten die Städte und Dörfer sehen, daß sie das Geld für die
Schadensbeseitigung und die hohen Investitionen in Straßenbau und
Straßenunterhalt wieder reinbekommen. Und mit diesem Geld sollten sie dann zu
nachhaltigen Problemlösungen beitragen, indem sie die Investitionen in eine
dezentrale, kundennahe Güterbahn und eine moderne City- Logistik finanziell
unterstützen.
Unterschätzung des Nahverkehrs, Überschätzung des Fern- und Transitverkehrs
In Deutschland wird von der Politik und dem Bahnmanagement der Verkehrsmarkt
chronisch falsch eingeschätzt. Nicht gesehen wird der hohe Anteil des
Nahverkehrs im Personen- wie im Güterverkehr. Der Transit- und Fernverkehr
haben demgegenüber eher kleine Anteile, die keinesfalls ein Übergewicht von
Investitionen in die Hochgeschwindigkeits- und Fernverkehrsinfrastruktur
rechtfertigen: Nur in den Alpenländern spielt aufgrund der besonderen
Topographie der Alpen und der Fixierung der Straßen- und Bahnnetze auf wenige
Pässe der Transitverkehr wirklich eine große Rolle, freilich ohne daß deshalb
in der Schweiz eine spezielle Korridorphilosophie bei der Bahn vorherrschte.
Nur durch die im gesamteuropäischen Maßstab zentralen und aus topographischen
Gründen notwendigerweise sehr teuren NEAT- Projekte ergibt sich vorübergehend
eine starke Bündelung von Bahninvestitionen auf die betroffenen Korridore, die
aber keinerlei Abkehr vom flächendeckenden Systemansatz einer dezentralen Bahn
in der Schweiz beinhaltet. Wenn in Deutschland und Europa der Nahverkehr
absolut dominiert, wenn also auch die meisten Staus Nahverkehrsstaus sind, dann
kann eine nur auf wenige Korridore und hohe Geschwindigkeiten abgestellte
Angebotspolitik schwerlich erfolgreich sein.
Systemdenken bei der Straße auf Schienennetz übertragen
Im Straßennetz wird ja nicht umsonst genau die gegenteilige Strategie verfolgt:
hier soll das Netz so dicht wie möglich sein; hier soll es möglichst viele Zu-
und Abfahrten und Knotenpunkte geben; hier soll man überall im Land einen
schnellen, einfachen Netzzugang erhalten; und hier sollen schon die Straßen der
untersten Kategorie eine hohe Leistungsfähigkeit haben. Von
Straßenstillegungen, der Schließung von Zu- und Abfahrten, der Stillegung
einer Richtungsfahrbahn aus Gründen der Wirtschaftlichkeit oder Sparsamkeit ist
nichts bekannt, im Gegenteil, der Appetit auf immer neuen Netzausbau ist
ungeheuer und die Gebietskörperschaften sind bereit, hierfür maximales
finanzielles Engagement zu zeigen. Unter dieser Bedingung maximaler Markt- und
Kundennähe bei der Straße und maximaler Markt- und Kundenferne bei der Scheine,
muß man sich nicht wundern, daß der öffentlicher Verkehr und hier vor allem die
Bahn immer weiter marginalisiert wurde. Im Güterverkehr erfolgte der Absturz
von ehemals über 80% auf mittlerweile weniger als 20% in Deutschland, über die
Zwischenschritte 35% und 24%. Und alle Prognosen verlängern diese
Fehlentwicklung ungerührt weiter.
Selbst beim Güterfernverkehr, wo die Bahn angesichts der starken Konzentration
der Bahnpolitik auf diesen Bereich noch etwas besser dasteht, soll die Talfahrt
weitergehen, von 45% Anfang der 90er Jahre über 35% um 2010 auf nur noch 17%
im Jahr 2015. Irgendwas muß da offensichtlich völlig falsch laufen in der
Verkehrspolitik.
Die wichtigsten Transportmärkte des LKW haben kurze und mittlere Distanzen
Ein Blick auf die typischen Unterschiede in den spezifischen Distanzen nach
Güter/Warengruppen zeigt, warum die Bahn so erfolglos ist: sie operiert an den
spezifischen Distanzerfordernissen des Marktes vorbei. Das ist so, wie wenn ein
Textilfabrikant dauernd nur mit Maxigrößen an den Markt ginge, während doch die
Bevölkerung in ihrer Größe eher normalverteilt ist. Wer sich mit seinen
Angeboten auf einen marginalen Markt konzentriert, muß sich nicht wundern, daß
er wenig Markterfolg hat.
Bezogen auf den Güterverkehr heißt das: Der LKW bedient regelmäßig auch die
kurzen und mittleren Distanzen. Die Bahn dagegen beschränkt sich inzwischen
fast ausschließlich auf die großen Distanzen. Damit läßt sie 80% der
Güterverkehrsmarktes einfach links liegen. Und verliert völlig die für jeden
Markterfolg maßgebliche Kundennähe. Wer seine Güter erst mal die ersten 50 oder
100 km auf dem LKW befördert, der wird auch den Rest auf der Straße machen. Wer
dagegen das Güter gleich auf dem eigenen Gelände oder nach nur wenigen
Kilometern am nächsten Umschlagpunkt auf die Bahn bringen kann, der wird am
ehesten auch die Güterbahn nutzen. Deshalb war und ist es katastrophal, daß die
Deutsche Bahn seit Jahrzehnten viele Gleisanschlüsse gekündigt und demontiert
hat, daß die Infrastruktur für Stückgut und Einzelwagenladungsverkehr
weitgehend konzentriert hat (MORA C) und daß sie sich nur noch auf die
angeblich bahnaffinen, einfachen, großen Geschäfte der Ganzzüge zwischen den
großen Knoten und auf den Hauptrelationen und großen Korridoren beschränken
will.
Polyzentrische Länder brauchen dezentrale Bahnstrukturen
Dieser Ansatz paßt überhaupt nicht auf Deutschlands Siedlungs- und
Wirtschaftsstruktur: die ist polyzentrisch und dezentral, mit über 250
selbständigen Wirtschaftsregionen, mit knapp 200 großen Zentren und gut 1300
Mittelzentren und Kleinstädten. Sie alle erzeugen in ihren Gewerbegebieten
riesige Gütervolumina. Wer sich aus all diesen Märkten verabschiedet, weil ihm
das „Kleingeschäft" zu mühsam ist, übersieht, daß das Kleingeschäft eben 80%
des Marktes ausmacht. Ein exemplarischer Blick auf die Chemiebranche zeigt das
Problem. Die Bahn ist ganz stolz, daß sie für die Chemieindustrie sog.
Branchenlösungen mit eigenen Chemiezügen entwickelt hat. Aber die beziehen eben
nur die ganz großen Chemiestandorte ein.
Tatsächlich haben aber die LKW, die die Chemiebranche bedienen, nur eine
durchschnittliche Transportweite von 40 km. Die Bahn hat dagegen bei ihren
Chemietransporten eine mittlere Distanz von 230 km. Das paßt also hinten und
vorne nicht zusammen.
Bei den besonders wertschöpfungsintensiven Produkten des Fahrzeug- und
Maschienenbaus haben die LKW eine durchschnittliche Transportweite von 100 km,
die Bahn dagegen von 450 km. Auch hier läßt sie damit den größten Teil des
Geschäfts an sich vorbeigehen.
Sargnagel Korridor- und Rückzugsphilosophie: ein viel zu kleines Netz von
Güterverkehrszentren und Umschlagknoten des kombinierten Verkehrs
Die fatale Korridor- und Rückzugsphilosophie zeigt sich außer im Netz auch bei
der Konzeption der Bundesregierung und der DB Cargo für das System der
Güterverkehrszentren und Umschlagknoten des kombinierten Verkehrs.
Mit nur 30 Güterverkehrszentren will man den Bedarf an multimodalen
Schnittstellen befriedigen. Das paßt hinten und vorne nicht auf die Bedürfnisse
der 250 deutschen Wirtschaftsregionen, von denen dann nur 15 % direkt bedient
werden. Das führt auf der anderen Seite für diese 30 Anlagen zu einer
notwendigen Überdimensionierung, weil sich hier alles konzentriert. Das
mobilisiert dann wegen der zwangsläufig hohen LKW- Verkehrsvolumina im Vor- und
Nachtransport zu besonders viel Widerstand. Adäquat wäre eher ein System von
300 solchen Anlagen, die dezentral im ganzen Land und im ganzen Bahnnetz
verteilt sind. Und selbst eine große Zahl solcher intermodaler Knoten reicht
nicht aus. Sie müßten nochmals durch ein sekundäres Netz von Straße- Schiene-
Schnittstellen ergänzt werden, in dem mit einfachen Mitteln schneller Güter-
und vor allem Containerumschlag möglich wird, ggf. auch im Selbstverlad auf
kleinen Güterrampen.
Auch beim kombinierten Verkehr, einem potenziell sehr entwicklungsfähigen
Sektor für die Güterbahn, hinkt die Bahn hinterher. Wenn man an den großen
Häfen die gigantischen Wachstumsraten der verladenen Container sieht und dies
mit dem eher bescheidenen Wachstum der Güterbahn beim Containertransport
vergleicht, erkannt man erneut, daß die Bahn weit hinter den Erfordernissen
bleibt und viel zu viel Marktanteil der Straße überläßt. Auch hier ist der
Hauptgrund die falsche Konzentrationsphilosophie, die nur für wenige
Hauptrouten und an wenigen, großen Knotenpunkten kombinierten Verkehr anbietet,
obwohl zwischenzeitlich Container über das Straßennetz bis in den letzten
Winkel transportiert werden. Während auf der Straße Container auch mit
einfachen Umschlagtechniken ihr Ziel erreichen (Gabelstapler für die kleineren
und mittleren Containergrößen und Gewichte), setzt die Bahn vorzugsweise das
sehr teure und schwere Gerät der Portalkräne ein, das dann auf eine kleine Zahl
von aufkommensstarken Standorten beschränkt bleiben muß.
Fixierung auf den Nachtsprung marginalisiert die Bahn
Die Güterbahn konzentriert sich an ihren wenigen Güterverkehrszentren und
Umschlagterminals vor allem auf den sog. Nachtsprung. Den Nachtsprung zu
nutzen, ist durchaus in Ordnung. Aber im Tagesgeschäft weitgehend abstinent zu
bleiben, geht natürlich wieder an den Markt- und Transporterfordernissen der
Wirtschaft vorbei. Nicht umsonst sind die Autobahnen nicht nur nachts sondern
auch tags voller LKW. Natürlich konkurriert tagsüber der Personenverkehr sehr
viel stärker mit dem Güterverkehr um den knappen Verkehrsraum, also bei der
Bahn dementsprechend um freie Trassen. Aber das Bahnnetz ist weit davon
entfernt, überall tagsüber randvoll zu sein. Im Gegenteil, die stark belasteten
Teil des Netzes konzentrieren sich auf wenige Korridore und Gebiete. Und wenn
die Bahn nicht seit Jahrzehnten systematisch die Flexibilität und Kapazität
ihres Netzes ruiniert hätte, durch den systematischen Abbau von Weichen und
Kreuzungspunkten, durch die Auflösung vieler dezentraler Stellwerke, durch die
vielfache Stillegung von Bahnhöfen (die potentiell ja immer auch ein idealer
Kreuzungs- und Überholungspunkt sind), dann könnten auch heute noch gemischte
Personen- und Güterbahnnetze problemlos betrieben werden, wie dies in der
Schweiz ja auch die Regel ist.
Neue Bahnmodelle für den Güternahverkehr
Zu einem solchen dezentralen Güterbahnkonzept gehören dann die entsprechenden
Zugkonzepte, die in Analogie zu den Lehren aus dem regionalen Personenverkehr
die Logik der schweren Bahn verlassen und statt dessen moderne
Güterleichttriebwagen nutzen, nach dem Vorbild modernen kommunalen und
regionalen Schienenpersonenverkehrs und der Cargo- Tram oder Güter- S-Bahn oder
Güter- Regionalbahn. Die regionalen Schienennetze werden in einem klaren
Taktverkehr mit vielen, kundennahen Umschlagpunkten befahren, mit modernen
Cargo- Sprintern. Wichtig ist deren flexibler und rangierarmer Einsatz als
schnell kuppelbare Einheit von 6-8 Waggons im Zweirichtungsbetrieb. Mit einer
LKW-ähnlichen Triebeinheit an jedem Ende kann so ein rationeller Pendelverkehr
(Ringzüge) abgewickelt werden.
Dagegen hat die klassische Rangierlok und personalintensiv zu kuppelnde
Güterzugtraktion im regionalen Schienengüterverkehr wenig Zu(g)kunft. Mit
modernen Gütertriebwagen lassen sich auch die vielen neu zu schaffenden,
dezentralen Gleisanschlüsse der vielen Gewerbegebiete und Handelsstandorte
rationell bedienen. Außerdem können auch viele Ver- und Entsorgungsfahrten auf
diese Weise rationell abgewickelt werden.
Anreize für Vermeidungspolitik – ein skeptischer Epilog
Nachhaltige Verkehrspolitik kann sich allerdings nicht nur auf die Verlagerung
der Güter von der Straße auf die Schiene beschränken. Sie muß auch neue Impulse
für eine weniger transport- und distanzintensive Ökonomie geben. Sobald eine
stärkere Internalisierung externer Kosten käme, ergäben sich sinnvolle
Preissignale. Transport würde teuerer. Eine Ökonomie der kurzen Wege hätte dann
wieder bessere Chancen. Die Trends der maßlosen Zentralisierung und einer
fortschreitenden Fusionitis würden gebremst. Jahrzehntelang war es oberstes
Ziel der Verkehrs- und Wirtschaftspolitik, Transporte billiger zu machen,
Einzugsbereiche auszuweiten, Aktionsradien zu vergrößern. Den Produzenten
sollten durch immer billigere Transporte immer größere Absatzmärkte eröffnet
werden. Das Zeitalter der Globalisierung wurde eingeleitet. Wachsende
Transportvolumina und Distanzen waren die Folge. Die EU- Osterweiterung wird
die Tendenz zur internationalen Arbeitsteilung noch mal verstärken und neue
Impulse für eine immer transportaufwendigere Wirtschaftsweise geben. Da
Transport aber in hohem Maße energieverbrauchend und umweltbelastend ist, hat
diese Fehlentwicklung einen hohen Preis.
Erstmals massenwirksam thematisiert wurde das
Problem der transportaufwendigen Wirtschaftsweise
durch die berühmte Studie von Stefanie Böge über den
Joghurtbecher, der auf seinem Weg zum Verbraucher über 7000 Transportkilometer
durchlaufen hat.
Der Joghurt ist symptomatisch für die gesamte Wirtschaft. Früher wurden
Milchprodukte vor allem regional produziert und vermarktet. Es gab viele,
kleine Molkereien, die auf kurzem Wege von den Bauern beliefert wurden.
Ähnliche war es beim Bier. Die kleinen Molkereien und Brauereien sind
verschwunden, heute agieren wenige „global Player", im Lebensmittelmarkt wie
auch generell in der Wirtschaft. Sie lassen riesige LKW- Flotten kreuz und
quer durch Europa fahren, ggf. auch noch, um bei jedem Grenzübertritt bestimmte
Subventionen „einzuheimsen", mindestens aber, um die internationalen und
regionalen Preisunterschiede bei Löhnen oder Rohstoffen oder Grundstücks- und
Erschließungskosten zu nutzen. Die EU- Agrarwirtschaft zahlt doppelt und
dreifach für die Überschusswirtschaft und den „Agrartourismus" der
Agrarfabriken. Mit hohen Subventionen für die Produktion, mit hohen
Subventionen für die Preisstabilisierung und Mengenbegrenzung, mit hohen Kosten
für die Seuchenbekämpfung, mit hohen Kosten für den Verkehrswegeausbau, mit
hohen Subventionen für den Transport und mit hohen externen Folgekosten im
Umwelt- und Gesundheitsbereich. Und das alles wegen der niedrigen
Transportpreise. Früher, bei höheren Transportpreisen und weniger ausgebauter
Verkehrsinfrastruktur wurde im Agrarbereich noch stark regional gedacht und aus
Kostengründen wie auch aus Gründen der Frische und Haltbarkeit eine
Landwirtschaft der kurzen Wege betrieben. Sie garantierte auch eine hohe
regionale Vielfalt der Produkte durch die kleinteilige regionale Anpassung der
Produktion. Aber nicht nur der Agrarbereich, auch die Holz- und Möbelindustrie,
die Textilwirtschaft, ja generell fast alle Teile der großmaßstäblich
betriebenen, international verflochtenen Wirtschaft sind ähnlich
transportunsensibel. Nur die Klein- und Mittelbetriebe haben noch eine starke
Regionalorientierung, bevorzugen regionale Märkte und achten auf Minimierung
der Transporte.
Das Pendant zur transportintensiven Wirtschaft der langen Wege sind die wenig
transportsensiblen Lebensstile des modernen Konsums. Das betrifft das
Alltagsverhalten im Versorgungsbereich, in der Wohnstandortwahl und in der
Freizeit. Auch hier verführen immer billigere Transportpreise und immer
dichtere, leistungsfähigere Transportnetze zu immer mehr Kilometerfresserei.
Der Ausbau der Schnellstraßennetze forciert die Zersiedlung, verführt die
Menschen zu immer weiter ausgreifender Suburbanisierung. Die fortschreitende
Arbeitsteiligkeit und Suburbanisierung von Arbeitsstätten forciert die Zunahme
der täglichen Pendelentfernungen. Der Strukturwandel im Handel mit der
Suburbanisierung der peripheren Shopping- Center forciert den
Entfernungsaufwand beim Einkaufen. Und auch bei der Tages- und
Wochenendfreizeit werden immer größere Entfernungen zurückgelegt. Die Stadt der
kurzen Wege, der gemischten Nutzungen wird bei diesen Prozessen immer mehr
beschädigt. Und wenn dann auch noch die Billigflieger den Konsumenten die ganze
Welt für einen „Apfel und ein Ei" zu Füßen legen, braucht man sich über
explodierende Passagierzahlen und Flugkilometer nicht zu wundern. Den Preis
zahlen wir alle mit den hohen Umweltfolgekosten, aber auch mit unserer
fortschreitenden, angesichts des hohen Transportaufwands paradoxen
Bewegungsarmut. Artifizielle Mobilität wird eben im Sitzen absolviert. Nur
natürliche Mobilität fordert Muskeln und Kreislauf. Moderne Mobilität macht die
Menschen immer weniger autonom und beweglich. Das kompensieren sie dann
verzweifelt beim Besuch im peripheren Fitness-Studio oder bei der nächsten
Abmagerungsdiät oder bei der finalen Bypass- Operation. Aber der Zusammenhang
von teuerer explodierender künstlicher Mobilität und explodierenden Umwelt- und
Gesundheitskosten wird politisch immer noch nicht wirklich thematisiert. Die
Stadt der kurzen Wege, die Ökonomie der Transportkostenminimierung, der Schutz
der Umwelt und Gesundheit und die Förderung der Alltagsmobilität im Nahbereich
zu Fuß oder auf dem Fahrrad sind leider keine Themen auf der Agenda der großen
Wirtschafts-, Verkehrs- und Raumordnungspolitik.
*Prof. Heiner Monheim
lehrt Angewandte Geographie/ Raumentwicklung und
Landesplanung an der Universität Trier seit 1995. Vorher hat er 25 Jahre in der
Bundesraumordnung und in einem Landesverkehrsministerium (NRW) gearbeitet.
Literatur zum Weiterlesen:
Heiner Monheim/Klaus Nagorni (Hg):
Die Zukunft der
Bahn. Zwischen Bürgernähe und Börsengang.
Herrenalber Protokolle, Bd. 116,
Karlsruhe, 2004, 260 S. 12,50 €;
Heiner Monheim/Rita Monheim- Dandorfer:
Straßen für alle. Analysen und Konzepte zum Verkehr der Zukunft.
Hamburg, 1991,
600 S., 10 €.
Beide Bücher können bestellt werden über ++49-651-2014551 fax
oder
hiwis@raumentwicklung.de
Kontakt:
monheim@uni-trier.de
oder
heinermonheim@yahoo.de
|